Andrea Limmer

Foto: © klauskraiger.net
Andrea Limmer wurde folgerichtig an einem Faschingssamstag 1985 geboren. Danach verbrachte sie ihre ersten Jahre abwechselnd in einer oberbairischen Wirtschaft und auf dem niederbairischen Land. Diese drei Faktoren haben dafür gesorgt, dass sie eins immer besonders gut konnte: Geschichten erzählen. Meistens wildfremden Leuten. Und das tut sie heute noch, bloß bekommt sie inzwischen dafür keine Süßigkeiten mehr. Meistens.

Andrea Limmer lebt als Autorin, Redakteurin, Lesebühnenelement, Flaneur und Kabarettistin in Moosburg, München und der Welt.

Freilich!

Freilich!
Unvermeidliche niederbairische Wirtshausgrotesken

Der Walter beäugt misstrauisch den Teller mit frittierten Servietten und fragt: »Das ist jetzt aber schon ein Fischfilet, oder?«

Die Wirtshausgeschichten von Andrea Limmer umwabern den Leser mit dem zünftig-verzweifelten Geruch, der in jeder alten Gaststube vorherrscht. Es menschelt in und zwischen den Zeilen, die in kräftigen Farben widerspiegeln, wie sich Menschen dort verhalten, wo das ehrliche Verhalten in dunklen, verräucherten Ecken lauert, bis man es mit einem kräftigen Schluck oder Biss entfesselt.
Dieses Buch ist Niederbaiern: urig, komisch, grotesk, sexy, international und revolutionär.

ISBN 978-3-8316-4252-6, 96 Seiten, 12,80 Euro

Überall im Buchhandel und in guten, ausgewählten Wirtshäusern erhältlich!

Die Brieframpe - Nachricht vom Fan

"Aus is'! Limmer wieder auf Tour"





Gaudi-Grisi
"Kennst du den schon? ..."

Limmer
Ja.

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Junger Unterbayer
"Liebe Limmi,
ich bin so ein junger, unterbayerischer, liberal gesinnter und unpolitischer Typ aus deiner Heimat Unterbayern. Und ich finds saugut, wie lustig dass du bist - und trotzdem bist auch so empanzipiert! Bestimmt bist so emanzipiert, dass du sogar für deinen Freund kochst oder Wäsch machst oder endlich den Knopf an seinem Lodenjanker annähst, ohne dir dabei recht deppert vorzukommen. Du redst ja oft über dein Freund. Der is auch echt zünftig. Wobei die Sach mit der Tätowierung ein bisserl anders gelaufen ist, wie aus sicheren Quellen weiß. Nämlich..."

Limmer
Lieber Obsti,
1. wer Kuchen will, muss selbst süß sein.
2. NIEDERbaiern. Es heißt NIEDERbaiern! Sacklzement!

Bussi,

Andrea (deine Freundin)




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Dein Knecht
"Willst du auf tausend grünen Nadeln die Spitze des Lust-Wipfels erklimmen? Verlangt es dich nach Rute und Jingle-Schellen? Bist du schon süchtig nach Lichterketten-Bondage?
Dann betritt die weiße Wunderwelt des Schmerzes! Schreib mir und ich hol dich mit meinem Schlitten. Dein Knecht"

Limmer
Lieber Krampus,
wir haben das mit den SPAM-Mails doch schon mal beredet, oder? Eben. Außerdem würde ich wirklich mal die adventlichen Formulierungen überarbeiten. Wer soll dich denn anrufen? Sado-Elfen?
Übrigens ist nächsten Mittwoch wieder Probe bei mir, fürs Weihnachtsprogramm. Komm bitte nicht wieder mit deinem Tannenschnaps an. Da drauf dreht der Osterhase wieder völlig durch.













Die Brieframpe - Nachricht vom Fan

"Aus is'! Limmer wieder auf Tour"





Nah-Han
"Na Servas, beste Freundgenossin, hier kommt die Testmail! Schau, schau, es is nix hin. Du kriegst schon Emails, wenn dir jemand welche schickt. Lebe die Einsamkeit! Mut zur Stille! Schon der Partisan und Kohlrabischnitzer Urgl Bahschowitzotti..."

Limmer
Merci, Hannah.
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Obsti Daechte
"Spatzl?! Hallo?! Du, ich weiß fei, dass du daheim bist. Dei Tour fängt nämlich erst an. Außerdem hab ich bei dir in der WG as Licht brennen sehen. Gut, ich hab's selber eingeschaltet. Aber hernach is wieder ausgeschaltet worden! Und die Zilli war des nicht, weil die Zilli gerade ihren Mistgabel-Tanz-Festival veranstaltet, in Viechtach. Also, Spatzl!!!!!! Jetzt sag doch was, zefix!"

Limmer
Lieber Obsti,
1. wie kommst du in meine WG?
2. hast du da was angefasst?
3. woher weißt du, wo die Zilli ist? Ich such die seit Wochen!
4. mit Ausrufezeichen les ich deine Nachrichten auch nicht lauter.
5. wenn du was bei mir angefasst hast, bitte sag's!
6. wo ist mein Hamster?
7. wenn du mich treffen willst, komm nach: Tann, Bad Birnbach, LA, Furth im Wald, Hauzenberg ... (http://andrea-limmer.de/tourplan.html)

Bussi
Andrea
(deine Freundin)

P.S.: Habe den Hamster grad gefunden, war in der Gefriertruhe, alles gut.




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Stylie-Zylie
"Liebe Limmergeiß,
ich hab deinen Dschamsterer nicht in die WG gelassen. Auf seinen Schlüssel passt man auf, weil nachgemacht ist er so schnell wie eine Hosentaschenmistgabel in China. Ist der Hamster eigentlich schon wieder aufgetaucht?
Bussi, Zilli
P. S.: Hat der Obsti etwa bei uns was angefasst?! "

Limmer
Aufgetaucht ja. Aufgetaut noch nicht.

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Nah-Han
"Na, Servas, liebe Volksgesoffin! Du, geh bitte, hast du meine letzte Mail überhaupt ganz gelesen? Sicher nicht! Denn sonst wärst du zum Flash-Mob in diesen Filmpalast des Kapitalismus gekommen, um dort die Projektoren zu verdunkeln, die auf Befehl des ökonomischen Partriarchats den Klassenkampf mit sexistischer Kackscheiße..."

Limmer
Liebe Hannah,
ich hab es dir schon mal gesagt und sag es auch gern immer wieder: Ich verübe keine Anschläge mehr, auf die Kinderecke von Karstadt.

Außerdem, bin ich jetzt wieder auf Tour...





Die Brieframpe


Aus is'! - Nachricht vom Fan


Karli K.
"Bist im echten Lem eigentli aa so draaf wia aaf da Bühne? I woidad nämli aa moi ebbs mid Witz macha. Aber mei Mam sogt ollawei, dass oam des bleibt, im echten Lem. Bsonders as Gschau."
Limmer
Lieber Karli,
ich ziehe mir diesen philosophischen Fehdehandschuh mit Freuen an. Denn es stellt sich ja erst einmal die Frage: Was ist das eche Leben? Wenn die Zeit, die ich auf der Bühne stehe, nicht das echte Leben wäre, dann wäre es für dich als Zuschauer auch nicht das echte Leben.
Aber, was wäre es dann? Ein Traum? Ein Film? Ein neurologischer Versuch, zu dem du von einem drakonischen Wissenschaftsstaat aufgrund von einem geringen Vergehen verurteilt worden bist, um dein Schulmaß abzugelten?
Nein, du bist wirklich da, während der Show, wie jeder andere Zuschauer. Zumindest anfangs. Und diese anderen Zuschauer kannst du riechen, spüren und für ein Postbank-Girokonto gewinnen. Also gehen wir d'accord, dass, da du in der Showzeit atmest, trinkst, verstoffwechselst und dich nicht zuletzt eben vor allem wegen der Verstoffwechselung selber mehr oder minder lebendig fühlst, dies eben echte Lebenszeit ist.
Wenn ich nun also in dieser Zeit wie auch immer "drauf" bin, bin ich ergo im echten Leben so "drauf".
Wenn du allerdings "etwas mit Witzen" machen möchtest, bin ich der falsche Ansprechpartner. Ich bin nämlich im echten Leben überhaupt keine Gauditante.

Grüße an deine Mama. Meine sagt hinsichtlich dem Geschau das gleiche.




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Geile Stute
"Brauchen Sie neue Büromöbel?"
Limmer
Sehr geehrte Frau Geile Stute,
wie ich bereits letzte Woche Ihrer Kollegin erklärt habe, brauche ich keine Büromöbel, vielen Dank. Ich habe Ihrer Kollegin, einer Frau Veronika, erklärt, dass ich im Liegen arbeite. Da habe ich mich wohl nicht genau genug ausgedrückt.
Lassen Sie es mich so sagen: Ich bin Künstler, ergo brauche ich keine Büromöbel - ich brauche ja auch keine Worte wie "Arbeitstag".
Aber andere Fragen wären für mich durchaus von Interesse.
1. Brauchen Sie Geld? - Ja.
2. Brauchen Sie TTIP? - Nein.
3. Brauchen Sie Möbel? - Ja.
4. Brauchen Sie Gras? - Kommt drauf an.
5. Brauchen Sie Sauerstoff? - Ja.
6. Brauchen Sie neue Saiten? - Ja.
7. Brauchen Sie die CSU? - Ja (sonst hängt mein arbeitsloser Freund die ganze Zeit bei mir rum, wahrscheinlich samt seiner sonst arbeitslosen Verwandschaft).
8. Brauchen Sie Pilze? - Kommt drauf an.
9. Brauchen Sie Bier? - Kommt drauf an.
10. Brauchen Sie Bier? - Ja.
Also verschicken Sie doch einmal solche Fragen. Sie werden dann bestimmt auch mehr Antworten erhalten. Denn, ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, so viele Mails, die Sie alleine mir schicken, deuten darauf hin, dass Sie entweder einsam oder in mich verliebt sind. Beides bedauere ich zutiefst.



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TschäkiTheJoker
"Hey, du bist ja ein süßel Spatzerl. Magst du mal ein Bier mit mir trinken? Bussi, Tschäki"
Limmer
Lieber Obsti,
den "Tschäki" schreibt man anders. - Da kommt auch gleich meine erste Gegenfrage: Wann hast du dir mein Programm angesehen? Findest du das nicht freaky, auftauchen, dich von mir nicht kennen lassen und dann wieder abziehen?
Zweitens: Was sind denn das für Sitten?! Dich als jemand anderen ausgeben, um mir zu schreiben?! Was ist denn bitte aus dem guten alten Liebes-Leberkässemmel-Gruß geworden? (Siehe: https://www.youtube.com/watch?v=U8Xau6w-P-0)
Drittens: Man kann mit dir nicht ein Bier trinken. Weil du nie EIN Bier trinkst. Zudem wirkst du auch auf andere Biere, die sich eigentlich in Hände anderer schmiegen, als eine Art schwarzes Loch. Jedes Bier verlässt sobald du auftauchst seinen Trinker, um bei dir zu landen. Es ist, als ob du der Schwarm, der unwiderstehliche Seitensprung, der Schwemme Fatale der Bierwelt wärst. Ich kann noch nicht ganz erklären, warum. Aber ich bleibe dran.
Viertens: Am Freitag würd ich dich auf ein Bier einladen. Auf ein fränkisches. In der Halunkenburg in Hof.

Bussi, Andrea (deine Freundin)


P.S.: Auf dem Foto befindet sich kein fränkisches Bier.









Aus is'! die Post - Limmer wi(e)der das Publikum


Als ich gerade über den Auftritt in der Spielbank Bad Kissingen bloggen will, erreicht mich eine Nachricht von einem Zuschauer. Interessiert lese ich die Abhandlung über den Auftritt und das Verhalten meiner Person im Kontext seines persönlichen Befindens. Und eine Frage.
"Gibt es den Obsti eigentlich wirklich?"

Man konfrontiert mich von Zuschauerseite mit allem, zwischen obstischer Zuneigung, hannahesker Kritik und zillisterem Witz. Aber vor allem mit Fragen.
Z. B. auch: "Wie kann man nur so blöd schauen?"

Und da dämmert mir plötzlich, dass es für die Menschen viel interessanter ist, über andere nachzudenken, als über sich. Also habe ich mich entschlossen, hier künftig die schönsten (!) Zuschauerfragen zu beantworten.

Die schönste Zuschrift wird übrigens am Ende der Spielsaison gekürt und reich entlohnt.
Allerdings beantworte ich die Frage, ob es Obsti wirklich gibt, nur persönlich nach einem Gig.

Ich bitte also um weitere Fragen. Jetzt wünsche ich aber erst einmal viel Spaß mit SteffMoorleitner, Veronika und XXXSAGICHNICHTWEILSDICHNIXANGEHTXXX

Die Brieframpe

Nachricht vom Fan


SteffMoorleitner
"Woher genau aus Unterbayern kommst du?"

Limmer
Servus!
Da müssen wir jetzt ein paar Dinge klären.
Unterbayern gibt es nicht. Jedoch gibt es Unterfranken oder Oberbayern. Wenn Sie Unterfranken meinen: meistens aus einer Wirtschaft. Wenn Sie aber Oberbayern meinen: immer auf dem schnellsten Wege.
Wenn Sie Niederbaiern meinen, so ist das ein bisschen knifflig.
1. Kommt man nicht aus Niederbaiern. Niederbaiern kommt aus einem heraus. Mit jedem Grant, jedem Gurgellaut, jedem misstrauisch-misanthropischen Blick.
2. Es ist nicht so, dass ich Angst habe, die Leute könnten erfahren, wo ich wohne. Leider kann ich keine genaue Angabe machen, weil wir weder Straßennamen noch Straßen haben. Googlen kann man uns auch nicht. Wie man so leben kann? Mit einer großen Portion Niederbaiern inside.
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Veronika
"Brauchen Sie neue Büromöbel?"

Limmer
Nein, ich arbeite im Liegen. Aber danke für das Angebot.
Ich habe mich übrigens schon öfter gefragt, warum ich derzeit so viele Angebote für Büromöbel erhalte. Werden diese derzeit vermehrt hergestellt? Und wenn ja, warum? Oder ist Ihnen das Viagra ausgegangen?
Denken Sie darüber hinaus nicht, dass eine Werbung mit etwas mehr Biss sinnvoller wäre?
Vielleicht: "Billige Leder-Stühle aus deiner Umgebung warten auf dich." Oder: "Extra hart - diese Tische stehen massiv." Vielleicht könnte man diese Angebote dann mit entsprechenden, sexy Fotos aufrüschen. Ich weiß ja nicht, wie es um Ihr Äußeres bestellt ist, aber schlagen Sie das Ihrem Chef doch mal vor.
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XXXSAGICHNICHTWEILSDICHNIXANGEHTXXX
"Wie kann man bloß so blöd schauen?"

Limmer
Gute Frage, mein Freund!
Das ist nämlich gar nicht so einfach.
Die meisten Menschen glauben ja, blöd zu schauen, das ginge von alleine. Das mache man so schwupp-di-wupp. Aber von wegen! Ich persönlich habe dafür siebzehn Semester bei Prof. Prof. Dr. Dr. Dr. med. nat. phil. Hironymus Lätschinger studiert (einem fernen Verwandten vom Lätschinger Sepp aus Niederbaiern, falls Sie den kennen).
Ich kann Ihnen hier freilich weder das Füllhorn meines Studiums ausschütten, noch die praktischem Übungen zeigen, die wir wissbegierigen Schüler von H. Lätschinger täglich stundenlang absolvierten. - Oft sogar in der Öffentlichkeit! Wobei wir seltener auffielen, als gedacht. Schauen Sie mal richtig blöd in einer Verkehrskontrolle oder beim Geschlechtsverkehr - da fallen Sie nie auf.
Allerdings will ich Ihnen die philosophische Basis des Blödschauens erklären: das Nichts. Denn um das blöde Geschau zu erreichen, muss man tief in sich gehen, dorthin, wo es ganz dunkel ist. Und dann muss man das gescheite Geschau abstellen. Erst danach ist es möglich, ein blödes Geschau an seine Stelle zu rücken.
Das blöde Geschau ist ergo die Abwesenheit des gescheiten Geschaus. Es ist nur durch ein kurzes Nichts herzustellen. Wobei die Menscheit das Nichts noch nicht richtig erforscht hat! Der Wahnsinn, oder?
Wenn man diese Denklehre verstanden hat, ist es nicht mehr weit bis zu einem bombastisch blöden Geschau.
Viel Erfolg, mein Freund! Oder, wie H. Lätschinger stets zu sagen pflegte:
"Patzlaugn auf!"
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Ich freu mich wie ein Tofuschnitzl auf die nächsten Briefe!

Eure Limmerin
Grant von Niederbaiern







 


Aus is'! in Bergen - Obstkultismus


Das obstische Existenz-Rätsel – die Wirklichkeit in zwei Zügen


Oft fragen mich Leute: "Gibt es den Obsti eigentlich wirklich?" Diese Frage hat sich schon fast zu einem Obstkultismus entwickelt. Ich weiß nur eines wirklich: dass ich nichts weiß. Ich meine, die Luft sieht man nicht – aber wir atmen sie. Und wenn der Obsti im Wald seine Ernährung ablüftet, aber keiner ist da, der es hört, stinkt es? Es ist kompliziert.

Und ich weiß, dass der Obsti kein feindseliger Mensch ist/wäre. Da muss ich ihn wirklich in Schutz nehmen. Er ... hat halt seinen Grant, in bestimmten Situationen. Mei, ich kann das verstehen. Wenn ich er wäre, würde mir ebenfalls Angst und Bang werden, sobald der Vergleich mit anderen Männern anstünde. Oder anderen Menschen. Oder Hobbys. Oder Klöstern. Es verhält sich auch nicht so, dass ich ihn absichtlich von Veranstaltungen fernhalten würde. Meine Termine oder Ortsangaben passen halt nicht immer. Also: oft nicht. Gut, eigentlich nie. Schicksal, nenn ich das.
"Spatzl, des is wirklich ... saublöd", nennt es der Obsti.
Bloß, weil ich den Facebook-Ortungsdienst ausgeschaltet habe. Ich finde, das ist ein Menschenrecht. Aber der Obsti und andere Menschen gerieren sich so, als ob man nicht wirklich daheim ist, wenn in Facebook nicht "daheim" steht.



Das Versehen ist auch ein Menschenrecht. Zum Beispiel, dass ich halt aus Versehen statt statt "in Bergen", als heutigen Spielort "in den Bergen" getippt habe. Kann passieren, besonders, wenn man schon mittags zwischen einem verwirrenden Haufen von Leuten eingekeilt im Zug steht und SMS schreiben muss. Verwirrend deswegen, weil sie reden ("Bier!"), riechen (Bier) und sich ernähren (Bier) wie Fußballfans, aber keine Schals oder Trikots tragen. Ob der Unsicherheit und meiner konzentrierten Gesellschaftsanalyse, ob diese Leute Fans sind oder nicht, ob sie dann Fußballfans sind oder nicht, ob sie gerade Fans sind oder nicht, ob sie gleichzeitig Leute und Fans sein können, und, ob sie überhaupt wirklich da sind, ob sie mich wirklich einquetschen, guturale oberbayerische Wohllaute von sich gebend, habe ich halt ein "den" zu viel getippt. Da braucht er mir echt nicht beleidigt sein, der Obsti.

Ich würde heute wirklich gerne so wie sonst 1.000.017 Mal umsteigen müssen. Aber die von Gemsen gezogene BOB fährt vom Kaff aus durch bis Bergen. Oder bewegt sich nur das Land um uns herum? Wenn ja, warum ruckelt der Zug so arg, dass die Leute um mich herum Bier und andere Flüssigkeiten auf mich regnen lassen? Niederbaiern ist doch flach, oder nicht? Gott sei Dank werde ich Stunden später von zwei Herren errettet, die sich als Magnetfeldvertreter herausstellen. Sie weisen mir einen Sitzplatz bei ihnen zu und erklären mir, dass Magnetfelder jung und aktiv und gesund hielten. Ich glaube, das funktioniert so, dass man jemand ein paar Piercings ins Gesicht stanzt und dann mit dem Magneten hinter ihn tritt, den Magneten einschaltet und so die Falten quasi herauszieht. Als ich nachfragen will, ruft der Obsti an.
Ich weiß wirklich nicht, warum er unbedingt zu einem Auftritt mitkommen will. Wenn ich in seiner Anwesenheit mal eine Gaudi mache, reagiert er eh nie. Oder falsch, so wie letzten Sonntag: "Politisch gesehen, bist du unpolitisch, Spatzl. Du bist ... ein emotionales Linksspatzl. Warum machst du nie einen Witz über die SPD?!"
"Über die lach ich doch gleich so", hab ich gesagt. Daraufhin wollte er mich direkt zum Verkehrsminister ernennen. So leicht geht das also. Und ich hab mich schon immer gefragt, warum der Alexander ... Aber lassen wir das.
Wofür ich jedenfalls wirklich nichts kann, ist seine offensichtlich vollkommen fehlende Ortskenntnis hinsichtlich seines Heimatlandes. Wenn jemand schreibt, er sei in den Bergen, dann muss man doch nachfragen, wo genau, oder?! Dann fährt man doch nicht einfach los und geht auf einen Berg und ruft dann an, um irgendwas von Gletscherspalten und Beinbruch zu faseln, oder?!

"Bergen", sage ich. "Bergen. Nicht in den Bergen. In welchen Bergen bist du denn?"
"Bei den sieben Weißbierzwergen. Ha, ha! Schau, so einfach geht ein Spaßetterl."
Ich frage ihn, was ihm wirklich fehlt. Außer Bier. Es ist fünf Sekunden still, dann gibt er an:
"Freibier. Ha, ha! Siehst, Spatzl, so einfach ist es, einen guten Witz zu machen."
"Du, Obsti, die Leitung..." Störgeräusche von mir gebend, lege ich auf. Ich muss mich doch nicht wirklich von jemandem in Lebensgefahr verarschen lassen! Was ich muss, ist aussteigen.
In Bergen ist das Wetter genauso wie in Niederbaiern. Oder, denke ich, ist Niederbaiern wie das Wetter?

Von meinen Grübeleien erlösen mich Mensch (Ladenbergen-Chef Andreas) und Bühne. Diese ist wieder eine ganz bezaubernde. Im Ladenbergen steht sie, wirklich und teppichbezogen, zwischen all den fantastischen Kurz- und Kurzweilwaren. Oder, zieht die Bühne die fantastischen Waren an, so dass sie sich darum gruppiert haben und ein festes Ensemble bilden? Hat sie sich vielleicht mehr unter den Teppich geschoben, als dass er auf sie gelegt wurde?
"Und wer reserviert", erklärt der Andreas, während er in den Zuschauerbereich zeigt, "der bekommt ein Kissen für seinen Platz." Ich sehe die Kissen und freue mich – dann trifft es mich wie ein Schlag. An einer Stuhllehne klebt ein Namensschild, auf dem "Obsti" steht.
"Wer...?" Ich deute auf das Schild.
Aber Andreas ist schon wieder dabei seine Gäste mit allerlei wohlfeilen Waren zu versorgen.
Konsterniert gehe ich nach draußen. Dort erzählt man mir von einem Balkon, der für bestimmte Bergener (Oder Berger? Bergler? Bergonen? Bergonier? Bergisten?) gar nicht existent sei, weil er zwar analog gebaut worden, aber in Google Earth nicht zu sehen sei. Interessant! Ist der Balkon da oder nicht? Negiert Google die reale Welt? Oder führt die reale Welt dem Internet vor, wie langsam es in Wirklichkeit ist? Die Zeit bis zum Auftritt vergeht jedenfalls schnell. Ich jumpe in mein Dress und laufe zur Bühne.

Dabei sehe ich einen schwarzen Haarschopf in ungefähr 1,83 Metern Höhe. Ich rieche Eau de Augúst. Und ich höre ein: "Also der Seehofer hat gesagt..."
Obsti! Oder nicht? Bilde ich mir die obstische Anwesenheit bloß ein? Will meine Welt die wirkliche Welt so umgestalten, dass ich granteln kann?
Schnell verschanze ich mich stehend hinter einem Gartenzwerg und beobachte den Haarschopf. Ich kann nicht so genau erkennen, ob es Obsti ist, weil zu viele Leute herumstehen.
"Meines Erachtens ist der feine Witz auf jeden Fall seinem ordinären Bruder vorzuziehen – das Bruder entspringt freilich keinem Seximus meinerseits. Eher dem Gegenteil, weil ich keine Frau mit dem Wort ordinär in Verbindung bringen will."
WIE BITTE?! Das ist auf keinen Fall ein Obstismus!
"Was?", sagt er, "Wirklich 0,33er Biere? Dann nehm ich drei, bitte."
Er ist es! - Allerdings, dieses "bitte" lässt Zweifel zu.
"Damit ich die Aufführung nicht stören muss."
Er ist es nicht!

Verdammt! Showtime! Ich laufe schnell um den Gartenzwerg herum und zur Bühne. Dabei bekomme ich noch mit, dass sich der Obsti/Nichtobsti entschuldigt und "zur Toilette" geht. Er kann es nicht sein. Als der O/NO wieder kommt, wirken die Bühne und das Lachen wie immer betäubend und befriedend auf mich. Ohne Kabarett wäre ich wahrscheinlich ein Mensch, der andere morgens anruft und fragt, ob sie an einer Umfrage teilnehmen wollen. Oder Redakteur bei RTLII.
Egal, ich bin ich. Dessen bin ich mir dieses Mal GANZ sicher. Weil ich nach dem Auftritt wieder stolpere. Der Auftritt an sich ist erfüllt mit Liebe, wenn man das sagen darf.


Nur beim Obsti-Teil wird es vor mir kurz unruhig, weil ein lautes männliches Heulen durch den Raum wabert. Drei Frauen bringen es mit Bier und Notfall-Leberkäse zum Verstummen.
Ein wirklich sehr ansehnlicher Mann kommt auf mich zu. Er spricht mit mir. Klar, Zilli ist ja heute nicht als Männerfängerin dabei. Ich drehe mich kurz um, weil ich meine Jacke nehmen will, da rumpelt es fürchterlich. Als ich wieder zum Beau schaue, ist er weg. Nur seine Schuhe stehen noch da. Der Beau sitzt auf dem O/NO-Stuhl, geknebelt mit dem Obsti-Namensschild und schaut mich furchtsam an. Als ich ihm seine Schuhe bringen will, flüchtet er.
Ein Obstschlag!
"Der ist immer so", sagt Andreas, neben mich tretend und dem Flüchtenden nachdeutend. "Aber sonst ein lieber Kerl."
Also herrscht doch eine Obstinenz vor?
Gott sei Dank lenken mich lustige Anekdoten und lustige Getränke von der obstönen Hirnzermarterung ab.

Als ich am nächsten Tag heimfahre, begleitet mich im Zug eine bayerische Musikkapelle (siehe oben). Obstis Werk? Eine Zugobsti, quasi? Eine sogenannte Liebesbeobstung?
Ich bekomme eine SMS von ihm: "Habe mich auf der Hütte der Bergrettung vertrunken. Bussi."


Zu Hause treffe ich Zilli an, die aus einem OBSTkorb Geräuchteres mampft. "Das magst du eh nicht, gell."
"Woher kommt das?" Verobstert deute ich auf den Korb.
"Ist von einem von der Bergrettung abgegeben worden."
Schnell überprüfe ich noch einmal die SMS von Obsti. Mein OMS-Speicher ist leer.
Ich obste ins Bett. Der Obsti als Existenzrätsel macht mich fertig. Es ist ein Obstiat. Mein Obstynit.



Es ist übrigens der erste Kabarettabend im Ladenbergen gewesen, wie ich erfahren habe. Und deswegen freilich ein schöne Jungfernfahrt für alle Beteiligten. Oder ist es eher so, dass es schön war, WEIL es der erste K-Abend gewesen ist? Jedenfalls kann ich sagen: Bergen, ich komme wieder! Oder kommt Bergen zu mir? Oder trage ich Bergen nun immer in meinem Herzen? - Letzteres: Ja, obstlerklar.