Andrea Limmer

Foto: © klauskraiger.net
Andrea Limmer wurde folgerichtig an einem Faschingssamstag 1985 geboren. Danach verbrachte sie ihre ersten Jahre abwechselnd in einer oberbairischen Wirtschaft und auf dem niederbairischen Land. Diese drei Faktoren haben dafür gesorgt, dass sie eins immer besonders gut konnte: Geschichten erzählen. Meistens wildfremden Leuten. Und das tut sie heute noch, bloß bekommt sie inzwischen dafür keine Süßigkeiten mehr. Meistens.

Andrea Limmer lebt als Autorin, Redakteurin, Lesebühnenelement, Flaneur und Kabarettistin in Moosburg, München und der Welt.

Freilich!

Freilich!
Unvermeidliche niederbairische Wirtshausgrotesken

Der Walter beäugt misstrauisch den Teller mit frittierten Servietten und fragt: »Das ist jetzt aber schon ein Fischfilet, oder?«

Die Wirtshausgeschichten von Andrea Limmer umwabern den Leser mit dem zünftig-verzweifelten Geruch, der in jeder alten Gaststube vorherrscht. Es menschelt in und zwischen den Zeilen, die in kräftigen Farben widerspiegeln, wie sich Menschen dort verhalten, wo das ehrliche Verhalten in dunklen, verräucherten Ecken lauert, bis man es mit einem kräftigen Schluck oder Biss entfesselt.
Dieses Buch ist Niederbaiern: urig, komisch, grotesk, sexy, international und revolutionär.

ISBN 978-3-8316-4252-6, 96 Seiten, 12,80 Euro

Überall im Buchhandel und in guten, ausgewählten Wirtshäusern erhältlich!

Die Brieframpe


Aus is'! - Nachricht vom Fan


Karli K.
"Bist im echten Lem eigentli aa so draaf wia aaf da Bühne? I woidad nämli aa moi ebbs mid Witz macha. Aber mei Mam sogt ollawei, dass oam des bleibt, im echten Lem. Bsonders as Gschau."
Limmer
Lieber Karli,
ich ziehe mir diesen philosophischen Fehdehandschuh mit Freuen an. Denn es stellt sich ja erst einmal die Frage: Was ist das eche Leben? Wenn die Zeit, die ich auf der Bühne stehe, nicht das echte Leben wäre, dann wäre es für dich als Zuschauer auch nicht das echte Leben.
Aber, was wäre es dann? Ein Traum? Ein Film? Ein neurologischer Versuch, zu dem du von einem drakonischen Wissenschaftsstaat aufgrund von einem geringen Vergehen verurteilt worden bist, um dein Schulmaß abzugelten?
Nein, du bist wirklich da, während der Show, wie jeder andere Zuschauer. Zumindest anfangs. Und diese anderen Zuschauer kannst du riechen, spüren und für ein Postbank-Girokonto gewinnen. Also gehen wir d'accord, dass, da du in der Showzeit atmest, trinkst, verstoffwechselst und dich nicht zuletzt eben vor allem wegen der Verstoffwechselung selber mehr oder minder lebendig fühlst, dies eben echte Lebenszeit ist.
Wenn ich nun also in dieser Zeit wie auch immer "drauf" bin, bin ich ergo im echten Leben so "drauf".
Wenn du allerdings "etwas mit Witzen" machen möchtest, bin ich der falsche Ansprechpartner. Ich bin nämlich im echten Leben überhaupt keine Gauditante.

Grüße an deine Mama. Meine sagt hinsichtlich dem Geschau das gleiche.




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Geile Stute
"Brauchen Sie neue Büromöbel?"
Limmer
Sehr geehrte Frau Geile Stute,
wie ich bereits letzte Woche Ihrer Kollegin erklärt habe, brauche ich keine Büromöbel, vielen Dank. Ich habe Ihrer Kollegin, einer Frau Veronika, erklärt, dass ich im Liegen arbeite. Da habe ich mich wohl nicht genau genug ausgedrückt.
Lassen Sie es mich so sagen: Ich bin Künstler, ergo brauche ich keine Büromöbel - ich brauche ja auch keine Worte wie "Arbeitstag".
Aber andere Fragen wären für mich durchaus von Interesse.
1. Brauchen Sie Geld? - Ja.
2. Brauchen Sie TTIP? - Nein.
3. Brauchen Sie Möbel? - Ja.
4. Brauchen Sie Gras? - Kommt drauf an.
5. Brauchen Sie Sauerstoff? - Ja.
6. Brauchen Sie neue Saiten? - Ja.
7. Brauchen Sie die CSU? - Ja (sonst hängt mein arbeitsloser Freund die ganze Zeit bei mir rum, wahrscheinlich samt seiner sonst arbeitslosen Verwandschaft).
8. Brauchen Sie Pilze? - Kommt drauf an.
9. Brauchen Sie Bier? - Kommt drauf an.
10. Brauchen Sie Bier? - Ja.
Also verschicken Sie doch einmal solche Fragen. Sie werden dann bestimmt auch mehr Antworten erhalten. Denn, ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, so viele Mails, die Sie alleine mir schicken, deuten darauf hin, dass Sie entweder einsam oder in mich verliebt sind. Beides bedauere ich zutiefst.



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TschäkiTheJoker
"Hey, du bist ja ein süßel Spatzerl. Magst du mal ein Bier mit mir trinken? Bussi, Tschäki"
Limmer
Lieber Obsti,
den "Tschäki" schreibt man anders. - Da kommt auch gleich meine erste Gegenfrage: Wann hast du dir mein Programm angesehen? Findest du das nicht freaky, auftauchen, dich von mir nicht kennen lassen und dann wieder abziehen?
Zweitens: Was sind denn das für Sitten?! Dich als jemand anderen ausgeben, um mir zu schreiben?! Was ist denn bitte aus dem guten alten Liebes-Leberkässemmel-Gruß geworden? (Siehe: https://www.youtube.com/watch?v=U8Xau6w-P-0)
Drittens: Man kann mit dir nicht ein Bier trinken. Weil du nie EIN Bier trinkst. Zudem wirkst du auch auf andere Biere, die sich eigentlich in Hände anderer schmiegen, als eine Art schwarzes Loch. Jedes Bier verlässt sobald du auftauchst seinen Trinker, um bei dir zu landen. Es ist, als ob du der Schwarm, der unwiderstehliche Seitensprung, der Schwemme Fatale der Bierwelt wärst. Ich kann noch nicht ganz erklären, warum. Aber ich bleibe dran.
Viertens: Am Freitag würd ich dich auf ein Bier einladen. Auf ein fränkisches. In der Halunkenburg in Hof.

Bussi, Andrea (deine Freundin)


P.S.: Auf dem Foto befindet sich kein fränkisches Bier.









Aus is'! die Post - Limmer wi(e)der das Publikum


Als ich gerade über den Auftritt in der Spielbank Bad Kissingen bloggen will, erreicht mich eine Nachricht von einem Zuschauer. Interessiert lese ich die Abhandlung über den Auftritt und das Verhalten meiner Person im Kontext seines persönlichen Befindens. Und eine Frage.
"Gibt es den Obsti eigentlich wirklich?"

Man konfrontiert mich von Zuschauerseite mit allem, zwischen obstischer Zuneigung, hannahesker Kritik und zillisterem Witz. Aber vor allem mit Fragen.
Z. B. auch: "Wie kann man nur so blöd schauen?"

Und da dämmert mir plötzlich, dass es für die Menschen viel interessanter ist, über andere nachzudenken, als über sich. Also habe ich mich entschlossen, hier künftig die schönsten (!) Zuschauerfragen zu beantworten.

Die schönste Zuschrift wird übrigens am Ende der Spielsaison gekürt und reich entlohnt.
Allerdings beantworte ich die Frage, ob es Obsti wirklich gibt, nur persönlich nach einem Gig.

Ich bitte also um weitere Fragen. Jetzt wünsche ich aber erst einmal viel Spaß mit SteffMoorleitner, Veronika und XXXSAGICHNICHTWEILSDICHNIXANGEHTXXX

Die Brieframpe

Nachricht vom Fan


SteffMoorleitner
"Woher genau aus Unterbayern kommst du?"

Limmer
Servus!
Da müssen wir jetzt ein paar Dinge klären.
Unterbayern gibt es nicht. Jedoch gibt es Unterfranken oder Oberbayern. Wenn Sie Unterfranken meinen: meistens aus einer Wirtschaft. Wenn Sie aber Oberbayern meinen: immer auf dem schnellsten Wege.
Wenn Sie Niederbaiern meinen, so ist das ein bisschen knifflig.
1. Kommt man nicht aus Niederbaiern. Niederbaiern kommt aus einem heraus. Mit jedem Grant, jedem Gurgellaut, jedem misstrauisch-misanthropischen Blick.
2. Es ist nicht so, dass ich Angst habe, die Leute könnten erfahren, wo ich wohne. Leider kann ich keine genaue Angabe machen, weil wir weder Straßennamen noch Straßen haben. Googlen kann man uns auch nicht. Wie man so leben kann? Mit einer großen Portion Niederbaiern inside.
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Veronika
"Brauchen Sie neue Büromöbel?"

Limmer
Nein, ich arbeite im Liegen. Aber danke für das Angebot.
Ich habe mich übrigens schon öfter gefragt, warum ich derzeit so viele Angebote für Büromöbel erhalte. Werden diese derzeit vermehrt hergestellt? Und wenn ja, warum? Oder ist Ihnen das Viagra ausgegangen?
Denken Sie darüber hinaus nicht, dass eine Werbung mit etwas mehr Biss sinnvoller wäre?
Vielleicht: "Billige Leder-Stühle aus deiner Umgebung warten auf dich." Oder: "Extra hart - diese Tische stehen massiv." Vielleicht könnte man diese Angebote dann mit entsprechenden, sexy Fotos aufrüschen. Ich weiß ja nicht, wie es um Ihr Äußeres bestellt ist, aber schlagen Sie das Ihrem Chef doch mal vor.
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XXXSAGICHNICHTWEILSDICHNIXANGEHTXXX
"Wie kann man bloß so blöd schauen?"

Limmer
Gute Frage, mein Freund!
Das ist nämlich gar nicht so einfach.
Die meisten Menschen glauben ja, blöd zu schauen, das ginge von alleine. Das mache man so schwupp-di-wupp. Aber von wegen! Ich persönlich habe dafür siebzehn Semester bei Prof. Prof. Dr. Dr. Dr. med. nat. phil. Hironymus Lätschinger studiert (einem fernen Verwandten vom Lätschinger Sepp aus Niederbaiern, falls Sie den kennen).
Ich kann Ihnen hier freilich weder das Füllhorn meines Studiums ausschütten, noch die praktischem Übungen zeigen, die wir wissbegierigen Schüler von H. Lätschinger täglich stundenlang absolvierten. - Oft sogar in der Öffentlichkeit! Wobei wir seltener auffielen, als gedacht. Schauen Sie mal richtig blöd in einer Verkehrskontrolle oder beim Geschlechtsverkehr - da fallen Sie nie auf.
Allerdings will ich Ihnen die philosophische Basis des Blödschauens erklären: das Nichts. Denn um das blöde Geschau zu erreichen, muss man tief in sich gehen, dorthin, wo es ganz dunkel ist. Und dann muss man das gescheite Geschau abstellen. Erst danach ist es möglich, ein blödes Geschau an seine Stelle zu rücken.
Das blöde Geschau ist ergo die Abwesenheit des gescheiten Geschaus. Es ist nur durch ein kurzes Nichts herzustellen. Wobei die Menscheit das Nichts noch nicht richtig erforscht hat! Der Wahnsinn, oder?
Wenn man diese Denklehre verstanden hat, ist es nicht mehr weit bis zu einem bombastisch blöden Geschau.
Viel Erfolg, mein Freund! Oder, wie H. Lätschinger stets zu sagen pflegte:
"Patzlaugn auf!"
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Ich freu mich wie ein Tofuschnitzl auf die nächsten Briefe!

Eure Limmerin
Grant von Niederbaiern







 


Aus is'! in Bergen - Obstkultismus


Das obstische Existenz-Rätsel – die Wirklichkeit in zwei Zügen


Oft fragen mich Leute: "Gibt es den Obsti eigentlich wirklich?" Diese Frage hat sich schon fast zu einem Obstkultismus entwickelt. Ich weiß nur eines wirklich: dass ich nichts weiß. Ich meine, die Luft sieht man nicht – aber wir atmen sie. Und wenn der Obsti im Wald seine Ernährung ablüftet, aber keiner ist da, der es hört, stinkt es? Es ist kompliziert.

Und ich weiß, dass der Obsti kein feindseliger Mensch ist/wäre. Da muss ich ihn wirklich in Schutz nehmen. Er ... hat halt seinen Grant, in bestimmten Situationen. Mei, ich kann das verstehen. Wenn ich er wäre, würde mir ebenfalls Angst und Bang werden, sobald der Vergleich mit anderen Männern anstünde. Oder anderen Menschen. Oder Hobbys. Oder Klöstern. Es verhält sich auch nicht so, dass ich ihn absichtlich von Veranstaltungen fernhalten würde. Meine Termine oder Ortsangaben passen halt nicht immer. Also: oft nicht. Gut, eigentlich nie. Schicksal, nenn ich das.
"Spatzl, des is wirklich ... saublöd", nennt es der Obsti.
Bloß, weil ich den Facebook-Ortungsdienst ausgeschaltet habe. Ich finde, das ist ein Menschenrecht. Aber der Obsti und andere Menschen gerieren sich so, als ob man nicht wirklich daheim ist, wenn in Facebook nicht "daheim" steht.



Das Versehen ist auch ein Menschenrecht. Zum Beispiel, dass ich halt aus Versehen statt statt "in Bergen", als heutigen Spielort "in den Bergen" getippt habe. Kann passieren, besonders, wenn man schon mittags zwischen einem verwirrenden Haufen von Leuten eingekeilt im Zug steht und SMS schreiben muss. Verwirrend deswegen, weil sie reden ("Bier!"), riechen (Bier) und sich ernähren (Bier) wie Fußballfans, aber keine Schals oder Trikots tragen. Ob der Unsicherheit und meiner konzentrierten Gesellschaftsanalyse, ob diese Leute Fans sind oder nicht, ob sie dann Fußballfans sind oder nicht, ob sie gerade Fans sind oder nicht, ob sie gleichzeitig Leute und Fans sein können, und, ob sie überhaupt wirklich da sind, ob sie mich wirklich einquetschen, guturale oberbayerische Wohllaute von sich gebend, habe ich halt ein "den" zu viel getippt. Da braucht er mir echt nicht beleidigt sein, der Obsti.

Ich würde heute wirklich gerne so wie sonst 1.000.017 Mal umsteigen müssen. Aber die von Gemsen gezogene BOB fährt vom Kaff aus durch bis Bergen. Oder bewegt sich nur das Land um uns herum? Wenn ja, warum ruckelt der Zug so arg, dass die Leute um mich herum Bier und andere Flüssigkeiten auf mich regnen lassen? Niederbaiern ist doch flach, oder nicht? Gott sei Dank werde ich Stunden später von zwei Herren errettet, die sich als Magnetfeldvertreter herausstellen. Sie weisen mir einen Sitzplatz bei ihnen zu und erklären mir, dass Magnetfelder jung und aktiv und gesund hielten. Ich glaube, das funktioniert so, dass man jemand ein paar Piercings ins Gesicht stanzt und dann mit dem Magneten hinter ihn tritt, den Magneten einschaltet und so die Falten quasi herauszieht. Als ich nachfragen will, ruft der Obsti an.
Ich weiß wirklich nicht, warum er unbedingt zu einem Auftritt mitkommen will. Wenn ich in seiner Anwesenheit mal eine Gaudi mache, reagiert er eh nie. Oder falsch, so wie letzten Sonntag: "Politisch gesehen, bist du unpolitisch, Spatzl. Du bist ... ein emotionales Linksspatzl. Warum machst du nie einen Witz über die SPD?!"
"Über die lach ich doch gleich so", hab ich gesagt. Daraufhin wollte er mich direkt zum Verkehrsminister ernennen. So leicht geht das also. Und ich hab mich schon immer gefragt, warum der Alexander ... Aber lassen wir das.
Wofür ich jedenfalls wirklich nichts kann, ist seine offensichtlich vollkommen fehlende Ortskenntnis hinsichtlich seines Heimatlandes. Wenn jemand schreibt, er sei in den Bergen, dann muss man doch nachfragen, wo genau, oder?! Dann fährt man doch nicht einfach los und geht auf einen Berg und ruft dann an, um irgendwas von Gletscherspalten und Beinbruch zu faseln, oder?!

"Bergen", sage ich. "Bergen. Nicht in den Bergen. In welchen Bergen bist du denn?"
"Bei den sieben Weißbierzwergen. Ha, ha! Schau, so einfach geht ein Spaßetterl."
Ich frage ihn, was ihm wirklich fehlt. Außer Bier. Es ist fünf Sekunden still, dann gibt er an:
"Freibier. Ha, ha! Siehst, Spatzl, so einfach ist es, einen guten Witz zu machen."
"Du, Obsti, die Leitung..." Störgeräusche von mir gebend, lege ich auf. Ich muss mich doch nicht wirklich von jemandem in Lebensgefahr verarschen lassen! Was ich muss, ist aussteigen.
In Bergen ist das Wetter genauso wie in Niederbaiern. Oder, denke ich, ist Niederbaiern wie das Wetter?

Von meinen Grübeleien erlösen mich Mensch (Ladenbergen-Chef Andreas) und Bühne. Diese ist wieder eine ganz bezaubernde. Im Ladenbergen steht sie, wirklich und teppichbezogen, zwischen all den fantastischen Kurz- und Kurzweilwaren. Oder, zieht die Bühne die fantastischen Waren an, so dass sie sich darum gruppiert haben und ein festes Ensemble bilden? Hat sie sich vielleicht mehr unter den Teppich geschoben, als dass er auf sie gelegt wurde?
"Und wer reserviert", erklärt der Andreas, während er in den Zuschauerbereich zeigt, "der bekommt ein Kissen für seinen Platz." Ich sehe die Kissen und freue mich – dann trifft es mich wie ein Schlag. An einer Stuhllehne klebt ein Namensschild, auf dem "Obsti" steht.
"Wer...?" Ich deute auf das Schild.
Aber Andreas ist schon wieder dabei seine Gäste mit allerlei wohlfeilen Waren zu versorgen.
Konsterniert gehe ich nach draußen. Dort erzählt man mir von einem Balkon, der für bestimmte Bergener (Oder Berger? Bergler? Bergonen? Bergonier? Bergisten?) gar nicht existent sei, weil er zwar analog gebaut worden, aber in Google Earth nicht zu sehen sei. Interessant! Ist der Balkon da oder nicht? Negiert Google die reale Welt? Oder führt die reale Welt dem Internet vor, wie langsam es in Wirklichkeit ist? Die Zeit bis zum Auftritt vergeht jedenfalls schnell. Ich jumpe in mein Dress und laufe zur Bühne.

Dabei sehe ich einen schwarzen Haarschopf in ungefähr 1,83 Metern Höhe. Ich rieche Eau de Augúst. Und ich höre ein: "Also der Seehofer hat gesagt..."
Obsti! Oder nicht? Bilde ich mir die obstische Anwesenheit bloß ein? Will meine Welt die wirkliche Welt so umgestalten, dass ich granteln kann?
Schnell verschanze ich mich stehend hinter einem Gartenzwerg und beobachte den Haarschopf. Ich kann nicht so genau erkennen, ob es Obsti ist, weil zu viele Leute herumstehen.
"Meines Erachtens ist der feine Witz auf jeden Fall seinem ordinären Bruder vorzuziehen – das Bruder entspringt freilich keinem Seximus meinerseits. Eher dem Gegenteil, weil ich keine Frau mit dem Wort ordinär in Verbindung bringen will."
WIE BITTE?! Das ist auf keinen Fall ein Obstismus!
"Was?", sagt er, "Wirklich 0,33er Biere? Dann nehm ich drei, bitte."
Er ist es! - Allerdings, dieses "bitte" lässt Zweifel zu.
"Damit ich die Aufführung nicht stören muss."
Er ist es nicht!

Verdammt! Showtime! Ich laufe schnell um den Gartenzwerg herum und zur Bühne. Dabei bekomme ich noch mit, dass sich der Obsti/Nichtobsti entschuldigt und "zur Toilette" geht. Er kann es nicht sein. Als der O/NO wieder kommt, wirken die Bühne und das Lachen wie immer betäubend und befriedend auf mich. Ohne Kabarett wäre ich wahrscheinlich ein Mensch, der andere morgens anruft und fragt, ob sie an einer Umfrage teilnehmen wollen. Oder Redakteur bei RTLII.
Egal, ich bin ich. Dessen bin ich mir dieses Mal GANZ sicher. Weil ich nach dem Auftritt wieder stolpere. Der Auftritt an sich ist erfüllt mit Liebe, wenn man das sagen darf.


Nur beim Obsti-Teil wird es vor mir kurz unruhig, weil ein lautes männliches Heulen durch den Raum wabert. Drei Frauen bringen es mit Bier und Notfall-Leberkäse zum Verstummen.
Ein wirklich sehr ansehnlicher Mann kommt auf mich zu. Er spricht mit mir. Klar, Zilli ist ja heute nicht als Männerfängerin dabei. Ich drehe mich kurz um, weil ich meine Jacke nehmen will, da rumpelt es fürchterlich. Als ich wieder zum Beau schaue, ist er weg. Nur seine Schuhe stehen noch da. Der Beau sitzt auf dem O/NO-Stuhl, geknebelt mit dem Obsti-Namensschild und schaut mich furchtsam an. Als ich ihm seine Schuhe bringen will, flüchtet er.
Ein Obstschlag!
"Der ist immer so", sagt Andreas, neben mich tretend und dem Flüchtenden nachdeutend. "Aber sonst ein lieber Kerl."
Also herrscht doch eine Obstinenz vor?
Gott sei Dank lenken mich lustige Anekdoten und lustige Getränke von der obstönen Hirnzermarterung ab.

Als ich am nächsten Tag heimfahre, begleitet mich im Zug eine bayerische Musikkapelle (siehe oben). Obstis Werk? Eine Zugobsti, quasi? Eine sogenannte Liebesbeobstung?
Ich bekomme eine SMS von ihm: "Habe mich auf der Hütte der Bergrettung vertrunken. Bussi."


Zu Hause treffe ich Zilli an, die aus einem OBSTkorb Geräuchteres mampft. "Das magst du eh nicht, gell."
"Woher kommt das?" Verobstert deute ich auf den Korb.
"Ist von einem von der Bergrettung abgegeben worden."
Schnell überprüfe ich noch einmal die SMS von Obsti. Mein OMS-Speicher ist leer.
Ich obste ins Bett. Der Obsti als Existenzrätsel macht mich fertig. Es ist ein Obstiat. Mein Obstynit.



Es ist übrigens der erste Kabarettabend im Ladenbergen gewesen, wie ich erfahren habe. Und deswegen freilich ein schöne Jungfernfahrt für alle Beteiligten. Oder ist es eher so, dass es schön war, WEIL es der erste K-Abend gewesen ist? Jedenfalls kann ich sagen: Bergen, ich komme wieder! Oder kommt Bergen zu mir? Oder trage ich Bergen nun immer in meinem Herzen? - Letzteres: Ja, obstlerklar.


"Aus is'!" in Ternitz


Zwischen Rohrbombe und Schlagobers

Niederbaiern grüßt Niederösterreich


Wenn sie EINE Schwäche habe, dann, dass sie IMMER recht behalte, sagt meine beste Freundin Hannah.
Oder, denke ich, ihr begeistert zustimmend, dass du kursiv und in Großbuchstaben redest. Ich denke mir das nur, während sie Fotos von Frau Petry mit kleinen Bärtchen verziert und diese Fotos in Kuverts eintütet, welche wiederum an Jungwähler in Altbayern adressiert sind.
Zudem schreibe ich Hannahs gesprochenes Wort aus Gründen des Dialekts und aus Respekt vor ihrer linken Intellektualität samt linken Faust nur indirekt nieder. Niemand kann so schlagfertig reden wie Hannah. Statt "Herr" oder "Frau" steht als Anrede auf den Kuverts "MenschIn".
Eben wegen dieser Rhetorik sitzt sie mit mir im Zug nach Ternitz, weil sie zu einem Symposium eingeladen worden ist. Von der niederösterreichischen Gegen-Regierung. Angeblich. Ich vermute, dass die Zilli sie bestochen hat mit mir zum Gig zu fahren. Das letzte Mal, als ich auf Tour war, hat sich Hannah vier Tage lang bei der Zilli einquartiert, zusammen mit der Alt-68er-Gruppe "Kukident gegen Kapitalismus", um ein sogenanntes Marodie-Manifest auszuarbeiten. Dabei haben sie unseren Lebkuchenvorrat vernichtet. Ich wundere mich, dass niemand gestorben ist.

"Du fährst doch wirklich zu einem Vortrag, oder?", frage ich vorsichtig. "Du hast nicht vor ... politisch ... aktiv zu werden?"
Sicherlich, sagt Hannah listig, werde sie politisch aktiv, wenn es um DIE Sache "Niederbaiern und Niederösterreich – zwei Mal Nieder ergibt eine Revolte" gehe. Aber ich brauche mich NICHT einzuscheißen, sie werde den Teufel tun und zu meinem Auftritt kommen, allein, um sich gegen die TOTALE Verkasperung des menschlichen Geistes durch die bemühte Pointendichte etwaiger Komikwichte zu schützen
"Pointendichte", sage ich geschmeichelt. "Merci."
Hannah seufzt, zückt ihr Ant-iFon und vermeldet irgendwem, dass "Robin" und "Schwarz-Grün" unterwegs seien. Ja, sie nickt, das kleine Rohr habe man dabei.
"Schwarz-Grün?", frage ich empört. "Was soll denn das heißen?! Und mit Rohr meinst du hoffentlich nicht die Bombe, die du mit der Zilli gebaut hast!"
Es sei ein Rohrbombenimitat, verbessert mich Hannah. Und wer mit einem christlich-sozialen Zapfhahnheger wie OBSTI zusammen sei, der existiere ganz nah neben den faschistischen Massen- und Biertischparteien.


Biertisch. Ich schaue aus dem Zugfenster. Unsere KB (Kaffbahn) fährt gerade in der Hauptstadt ein, wo wir 34 Minuten Aufenthalt haben, bevor der Zug sein Personal wechselt und als IC weiterfährt. "In Landshut ist Dult", sage ich.
Hannah unterstellt mir eine Fixierung auf Obsti. Und, dass ich eine zu große Geduld habe, mit diesem männlichen Menschen, dass meine Geduld MEINE Schwäche sei, wo ich nur ein selbstbestimmtes Geh-auf-Dult leben sollte.
"Der Obsti ist ja nicht andauernd auf der Dult." Sie schaut mich an. "Ja gut, du hast recht."
Natürlich, sagt sie seufzend, das sei ja ihre Schwäche. Zudem solle ich froh sein, jemanden mit Unterhaltungswert dabei zu haben, der überdies für MICH noch dolmetschen könne, als gebürtige Österreicherinnin. Und nur als solche habe sie das Genossenticket SAMT Visum für mich buchen können, welches uns in nur fünf Tagen nach Ternitz führe.
"Woher genau bist du eigentlich", frage ich, aber Hannah winkt ab. Klar, sie verwehrt sich gegen jegliche Zugehörigkeit. Weswegen sie ständig aus Männertoiletten geworfen wird. Und statt damals die Abi-Abschlussfahrt nach Frankreich mitzumachen, hat sie lieber noch die mittlere Reife und den Hauptschulabschluss absolviert, wonach sie mit einer niederbairischen DAV-Abordnung nach Freising gefahren ist. Alles, was man über ihre Herkunft weiß ist, dass sie "KEINE TIROLERINNIN" ist.
Eine Familie mit drei Kindern und zwei Schrazen steigt zu, wonach die Schrazen die Kinder dazu verführen, ohrenbetäubend laut zu schreien. Hannahs linkes Auge zuckt. O je. Ich rufe: "Schau! Die Wagenknecht!", und mische heimlich ein Schlafmittel in ihren linksdrehenden Tofu-Tee. "Ach nein! Doch nur ein Wagenknecht." Ich lache über mein Bahnmitarbeiterwortspiel.
Hannah grollt und erzählt mir, dass die heutigen Eltern verweichlichte Systemdiener seien, denen nur daran läge, dass ihre Kinder LEISTUNGSTRÄGER würden. Vor kurzem erst habe eine Mutter die POLIZEI gerufen, weil ihr Kind nicht ins Bett gehen wollte. Die Menschen, so deklamiert sie, ihren Tee zum Salut erhebend, die Menschen riefen wegen jedem kleinen WIND gleich die Staatsgewalt. Sie würden alle duckmäuserische Einzeller, OHNE Chance zum Umsturz, weil keiner ALLEIN eine REVOLUTION starten könne. Salut!
Sie kippt ihren Tee und dann sinkt sie schnarchend auf ihren Sitz.


Hannahs Buchung führt uns nach Ternitz, ohne, dass wir umsteigen müssen. Lediglich das Zugpersonal und die Kaffeepreise wechseln. Ich verabreiche ihr immer wieder ein wenig Schlafmittel, weswegen die Fahrt sehr ruhig verläuft. Ich schreibe in den fünf Tagen ein neues Programm, in das ich am Ende noch einen Erdogan-Witz einfüge. Das Programm geht sofort in Flammen auf.

Der Veranstalter Oliver holt mich freundlicherweise vom Zug ab, was die Hannah mit einer ihrer feurigen Reden gegen Seximus quittiert.
"Also dann", sage ich zu ihr, "bis morgen."
Zeit, schreit uns Hannah hinterher, Zeit mache uns zu ARBEITSSKLAVEN.
"Fahr", sage ich zu Oliver, "bitte. Schnell." Wir fahren, schnell. Und zu meiner Überraschung auch nach Neunkirchen, wo ein Treffen samt Fototermin mit Martina Schwarzmann vereinbart worden ist.


Ich bekomme danach eine SMS von Hannah: "Schwarz-Grün ahnt NICHTS. Bereite die Eleminierung der reaktionären Zuschauerelemente vor. Robin."
Sofort rufe ich sie an. "Was soll das?! Eleminierung? Zuschauer?!"
"Tirolin", sagt Hannah mit verstellter Stimme.
"Hannah!"
"Neeeee-in! Banane-Cccchhhhhh."
"Haben wir Schutzpersonal vor Ort?", frage ich Oliver.
"Nein. Aber einen lebensgroßen Aufsteller vom Haider. An dem geht keiner rechts vorbei."
Vorsichtshalber installieren wir noch eine Germknödel-Schlagobers-Falle über der Tür.
Der Auftritt in Ternitz ist orgiastisch. Die Zuschauer sind dermaßen gut drauf, dass ich kurz überlege, ob ich wirklich ich bin. Dabei stolpere ich über meine Füße und bin mir meiner selbst wieder sicher.
In der Pause strömt eine Gruppe von Menschen ins Backstage, in der sich der Bürgermeister befindet. Wieder werden Fotos gemacht. Vor der digitalen Revolution muss Ternitz einen wahnsinnigen Pro-Kopf-Verbrauch von Film gehabt haben. Als der Bürgermeister als Bürgermeister vorgestellt wird, kracht es vor der Tür der Location und Stimmen schreien durcheinander. Als wir nachschauen ist niemand vor der Tür, nur eine riesige Menge an Teig und Jörg Haider, dem jemand beide Ohren abgebissen hat. Wir verziehen uns alle wieder in den Bühnenbereich, wobei mich jemand frägt, ob bei mir daheim die Leut auch mal randalieren.
"Mei", sage ich. "Weißt du, wir haben vor allem zweierlei: Viel Zeit und viel Landschaft. Da braucht jeder sein Hobby."
"Was gibt's denn für Hobbys in Unterbaiern?"
"Die gleichen wie in Unterösterreich, glaub ich. - Nur mit Rauchverbot."

Es folgt eine unglaubliche After-Show-Party, an der sogar ich diesmal länger als eine Stunde teilnehme. Rock 'n' Roll, Alter! Ich meine zwar irgendwann eine teig- und sahnebeschmierte Hannah zu sehen, allerdings nur kurz. "Wälzt sich euer Bäckermeister gern in seinen Produkten?" , frage ich den Wirt.
"Weißt Mädl, wir haben hier vor allem eins: Teig und Sahne. Da braucht jeder sein Hobby."



Am nächsten Tag warte ich wie verabredet in Wien Meidlung auf Hannah. Am Bahnhof kommt ein Hund auf mich zu und überreicht mir einen Zettel. Danach bellt er die erste Zeile der Internationalen und verzieht sich. Auf dem Zettel steht: "Treffen im SCHNAPSMUSEUM."
Seufzend suche ich das Schnapsmuseum. Als ich eintrete, rauscht eine Unmenge an zäher Flüssigkeit auf mich hernieder und wirft mich zu Boden. Nach einer kurzen Stunde der Bewusstlosigkeit erwache ich und koste. Eierliklör. Würg. Mühsam schwimme ich mich frei. Hannah steht an der Tür und lacht. Sie habe ja schließlich, erklärt sie, SICHER gehen müssen, ob ich ich sei oder der Klassenfeind. Das sehe ich irgendwie ein, schließlich war ich mir gestern auch meiner selbst nicht sicher.

"Warst du gestern bei der Veranstaltung?", frage ich ernst, während schwäbische Touristen Marillenknödel in meinen Likörüberzug stippen.
Sie schüttelt den Kopf. In ihrem rechten Ohr ist Schlagobers.
Die Touristen stippen mich sauber. Leider so gründlich, dass mir nun mein Pullover fehlt.
Eigentum, erklärt mir Hannah gutgelaunt, sei eh Diebstahl.
Weil es in Meidling außer dem Museum noch dazu das großartige Nichts gibt, besteigen wir bald mit unserem Genossenticket die Bahn.
In Landshut geht mir das Schlafmittel aus und Hannah erwacht. Ausgerechnet in dem Moment, da der Schaffner unser Ticket kontrollieren will.
Ob er, der WAGENKNECHT, einen internationalen Fahrschein sehen wolle, fragt Hannah lustig und holt ihr Rohrbombenimitat heraus.
"Das ist nur Humor! Links-philosophischer Humor", versuche ich den Schaffner zu beruhigen. "Und den Wagenknecht-Witz hat sie von mir gestohlen!"

Die Leute riefen heutzutage wirklich wegen jedem kleinen SPASS die Polizei, sagt Hannah zehn Minuten später. Wegen JEDEM kleinem Wind hörten sie gleich das Gespenst des Kommunismus und der Anarchie heulen.
Wir stehen in LA am Hauptbahnhof. Verbannt aus unserem Zug. Der nächste, mit dem wir fahren können, kommt erst in drei Tagen. Ich beschließe, Hannah nicht durchzuschlagobersen, wofür ich ganz sicher in den Himmel komme.
Und wenn wir uns nur ganz unauffällig verhalten, können wir uns die drei Tage am Bahnhof aufhalten. Auf die Dult will ich nicht, wegen meiner Fixierung auf Obsti.
In dem Moment schreit ein Kind los. Es ist ein Bub. Neben dem Bub steht die Hannah, in der Hand eine Cola und einen Hamburger, und lacht. Er versucht beides zu grapschen, Hannah stellt ihm ein Bein und er knallt hin.
Da brauche er wohl KEIN Ritalin mehr, ruft sie, der Thorben-Hendrik, wenn er mit der Lätschn auf dem Beton liege.
Ich bin so froh, dass sie das schreit, dass ich es nicht schreien muss und, dass sie von der Mutter mit elektrischem Ritalin (Schocker) angegriffen wird. Ich bin so froh, dass ich lache, während Hannah vor der Polizei flüchtet, die österreichische Internationale intonierend: "Olle Menschn san mia zwider..." Und ich lache so laut und herzlich wie lange nicht mehr. Bis mir einfällt, dass Hannah unser Ticket hat.
Lange schaue ich in die Richtung, in die Hannah verschwunden ist. In den Untergrund, das weiß ich. Dann drehe ich ich mich seufzend um, zu den Klängen von einem Prosit der Gemütlichkeit. Ich werde Obsti suchen. Der kommt immer heim. Und sei es mit dem Dobrindt. Oder der Polizei. Man braucht nur Geduld.


Aus is'! - in Stuttgart gleich zwei Mal


 Tequila und Mistgabel – der Wüsten-Rot-Fuchs baut auf!


    „Die Mistgabel“, sage ich so nachdrücklich wie möglich, indem ich mein Laserschwert ziehe, „bleibt hier. Oder ihr bleibt beide hier.“
    Die Zilli murrt. „Und wie soll ich dann meinen Job erledigen?“
    „Job?“, frage ich.
    „Als Roadie! Ich hab doch den Test bestanden“, sagt meine Adoptivgroßmutter und lächelt.
    Ich seufze. Es gab weder eine Ausschreibung, noch einen Einstellungstest, noch gibt es einen Job. Lediglich eine Bemerkung, eine unbedachte, zugegeben, meinerseits, dass ich auf Tour gern jemanden dabei habe und meine Roadinette leider grad wichtige Weltherrschaftsaufgaben erledigen muss, weswegen sie für den Stuttgart-Gig verhindert ist. Dies waren die zwei Kritieren: 1. jemand und 2. jemand der Zeit hat. Das könnte also Helene Fischer oder ein Silberfischchen sein.
    „Und wie soll ich dich anständig begleiten, so, dass du deine Ruhe hast, ohne Mistgabel?“, insistiert die Zilli.
    „Mit Freundlichkeit?“
    Die Zilli starrt mich an. Dann hebt sie langsam die rechte Augenbraue.
    Ich seufze, in dem Bewusstsein, dass ich sie mitnehmen muss. Letztes Jahr hat sie, nur aufgrund meiner Weigerung sie beim Nudelholzverkauf zu begleiten, Haftcreme in meine Zahnpastatube gefüllt. „Du hast doch noch deine Hosentaschenmistgabel, oder?“ Die Zillie nickt strahlend und geht packen. Ich überlege, ob ich die Behörden in Stuttgart warnen sollte – aber die setzen bestimmt wieder Wasserwerfer ein. Und dann wirft die Zilli Seife zurück und ...
   
    Ich merke, als wir in der Hauptstadt LA umsteigen müssen, dass mit der Zilli alles doppelt so lange dauert. Weil sie überall, wo sie länger als drei Minuten verweile, ein Bier trinken müsse, sagt sie. Ärztlich verordnet. „Ich bin nämlich ein Mensch mit MiGRANTionshintergrund.“ Sie öffnet ein Bier mit ihrer Hosentaschenmistgabel (HTM) und spült eine kleine Pille hinunter. Nehmen wir eben den nächsten Zug.
    Ich hole mir einen Bahnhofskaffee, und wie immer komme ich mir beim ersten Schluck wie ein Volldepp vor. „Bäh“, sage ich. „Der schmeckt wieder wie Oma unterm Arm.“
    „Was?“, fragt die Zilli und hebt ihren linken Arm. „Das kann man verkaufen?“
    „Nein! Eigentlich eben nicht! Aber jedes Mal wieder fall ich drauf rein!“
    Die Zilli lacht und prostet mir zu. „Manchmal ist es gut, dass man nicht alles gehabt hat, früher. Zum Beispiel ein Karma oder einen Kaffee zum Hatschen.“
    „He“, ruft ein Mann ein paar Schritte entfernt. „He du!“ (Übersetzung für Nichtniederbaiern: „Entschuldigen Sie, ich hätte eine Frage – ich störe doch hoffentlich nicht?“)
    „Schleich dich, alter Depp“, ruft die Zilli. (Übersetzung: „Kann ich Ihnen weiterhelfen?“)
    Der Mann nähert sich im Krebsgang. Er hält eine kleine Buddhastatue und einen Pudel in den Händen. „Bist du nicht die Kabarettistin?“, fragt er mich.


    „Welche?“, frag ich geschmeichelt.
    „Sie ist nicht die Monika Gruber“, sagt die Zilli. „Hat sie zumindest gestern gesagt.“
    Der Mann schüttelt den Kopf. „Nein, die mit dem Obsti. Die Dings.“
    Ich nicke geschmeichelt.
    „Das macht fünf Euro“, sagt die Zilli und fischt mit ihrer HTM einen Geldbeutel aus seiner Jacke. Ich beginne, sie als Roadie zu schätzen. Der Zug kommt, wir steigen ein und bis zur nächsten Haltestelle beschäftigt sich die Zilli mit Geldzählen und ich mit Forenbeiträgen zum Thema Erbe. In München rennen wir zum Anschlusszug, der nicht mehr da steht, weil er erst gar nicht gekommen ist. Die Zilli macht sich ein Bier auf, ich hole mir einen Kaffee, trinke und … „Bäh!“
    Die Informationsstimme einer Frau erklärt, dass der nächste Zug nach Stuttgart ausfällt, aufgrund von: „Was nehmen wir denn heute … Ach ja: Sonnenschein mit anschließender Nacht.“
    Ich werde nervös. Die Zilli öffnet sich ein neues Grantbier.
    Nach zwei Minuten meldet sich die Infofrau wieder und erklärt, dass auch der nächste Zug nach Stuttgart nicht wie gehabt fahren wird, weil: „Der Zugführer gar nicht einsieht, dass er fahren soll, wenn der andere auch nicht fährt. Wir bitte um Ihr Verständnis.“ Sie bricht in schallendes Gelächter aus, dann bricht die Übertragung ab.
    „Scheiße, wir kommen nie nach Stuttgart“, rufe ich verzweifelt.
    Die Infofrau meldet sich und erklärt, dass...     Ich beginne zu weinen.
    „A geh, geh“, sagt die Zilli, „was regst dich denn jetzt so auf. Für was hast mich denn dabei?“ Sie spricht in ein kleines Funkgerät und zieht mich zum Bahnhofsvorplatz. Dort steht eine Art Batmobil, gestrichen in den Farben der niederbairischen Fahne.



    „Was …“, setze ich an.
    Die Zilli schiebt mich auf den Beifahrersitz. „Psst. Wenn du's weißt, muss ich dich wegsperren.“
    Innerhalb von zehn Minuten, meine Damen und Herren, sind wir in Stuttgart. An einer Ampel warten wir dreieinhalb Minuten, die Zilli macht sich ein Bier auf. In meiner Hand erscheint ein Kaffeebecher, den ich sofort aus dem Fenster werfe. „Geschmeidig“, sagt die Zilli, „haben wir dir das auch gleich ausgetrieben. - Schau mal!“ Sie deutet auf einen Bauzaun, an dem das Banner der Baufirma Rommel hängt. „Rommel“, lacht die Zilli, „der Wüsten-Rot-Fuchs.“
    „Wahnsinn“, sage ich, „wie du nach dem ganzen Bier noch fahren kannst.“
    „Da brauchst halt eine gute Physiognomie – in deinem Fall wortwörtlich. Ha, ha. Physi-Gnomie, verstehst? Ha, ha!“



    „Möchtest du heut auftreten?“, knurre ich. Sie meint immer, dass sie witziger ist als ich.
    Sie schüttelt den Kopf und trinkt ihr Bier aus. „Aber eins sag ich dir: Erzähl fei auf der Bühne bloß nix von mir!“
    „Niemals“, sage ich und wandle in meinem Kopf meine Nummer ab.
    Dann sind wir in der Besenwirtschaft. Wir betreten die bereits erhitzte Atmo, eine Mischung aus Dampf, Mensch und Sauerkraut. Ein Mann betrachtet die Zilli wohlwollend. Es ist ein Mann in meinem Alter, der wirklich gut aussieht. Ich werde gleich ins Backstage weitergereicht, höre dabei aber noch die Zilli, die den Beau anschreit: „Ja meiiiiiiii, wo kommen naaaa Siiiiieeee heeeeeer?!“
    „Stuttgart.“
    „Meiiiii, das tut miiiiiiiir aaaaaaber leiiiiid.“
    Das Publikum ist genauso heiß wie die Sauerkrautluft. Besonders die Nummer über meine Adoptivgroßmutter Willi kommt gut an.
    „Ich find es toll“, sagt ein älterer Herr hernach mit Blick auf die die Zilli, „dass in Niederbayern Frauen Männernamen tragen dürfen. Und auch so aussehen.“
    „Beleidigen Sie bloß nicht meinen Enkel“, grollt die Zilli und trinkt ihr Bier aus. Sie hat es tatsächlich geschafft hat, in einer schwäbischen Weinwirtschaft ein Augustiner zu bekommen. Sogar ohne Pfand und kalt.

    Wir fahren im Z-Mobil in die Übernachtungsstätte: das evangelische Begegnungszentrum. Hier wollen uns alle begegnen, was die Zilli mit ihrer HTM und einer Herder-Bibel unterbindet.
    Ich wache am nächsten Tag erst kurz vor dem Soundcheck wieder auf. Die Zilli treffe ich in der Besenwirtschaft an. „Stuttgart isch subba“, sagt sie. Ihre Wangen glühen, während sie eine gemischte Wurst-Presssack-Platte vertilgt. „Da haben die Tequilabars schon mittags auf.“


    Bevor ich noch genauer drüber nachdenken kann, warum genau meine Adoptivgroßmutter mit ihren 80 Jahren mehr Rock 'n' Roll als ich ist, spring ich auf die Bühne, spiele, schwitze und komme zur Erkenntnis, dass Sauerkraut wohl aphrodisierend sein muss.

    Nach dem Auftritt suche ich die Zilli. Die kommt mir aus einer Besenkammer entgegen, eine Boxershort auf ihre HTM gespießt. „Haben wir's?“, fragt sie. „Dann fahren wir.“
    Innerhalb von zehn Minuten sind wir wieder in LA. Am Bahnhof. Denn die Zilli muss dringend noch einen Umfragebogen der Deutschen Bahn ausfüllen. Es wird eine Art Pamphlet, vier Seiten lang, das statt Kinder- und Familienabteilen in den Zügen Altenabteile fordert. Mit konstant 30 Grad Raumtemperatur, kostenloser Klosterfrau-Melissengeist-Ausgabe und Sauerkrautduftspender.
    Daheim fragt sie mich: „Und wie war's mit mir als Tourbegleitung?“
    „Ruhig.“
    „Hab ich doch gesagt.“